“Du” vs “Sie” – oder: Wie förmlich darf’s denn sein?

Note for English speaking readers: It is about the differences in addressing people, formal or informal, in the German translation of https://vivaldi.com and if we should use the formal (but not unfriendly) “Sie”, or the personal “Du”. I know, this is easy for you, because you can use “you” for both and I can understand that you think we are crazy (and that assumption is probably correct), but that’s how we are. If you want to know how it works here, take a look at this:

http://bibliobrary.net/2010/01/04/when-to-use-du-and-sie/

btw: I have been in the USA several times and while they use the you, you always know if it is used in a formal or non formal way. You will earn some looks of disapproval if you forget the Ma’am or the Sir in Huston,Tx or somewhere in the Bible Belt if you talk to a female who is not clearly a little girl or to a male person being older than you or carrying a weapon. No such problems in California – unless you are in a region with a high percentage of Mexicans. It is not that easy even in the USA, there are some lines you don’t want to cross. 😉

 

Es gibt Sachen, die meine Neugier anregen und denen ich auf den Grund gehen möchte, denn oftmals ist die wahrgenommene “Wirklichkeit” nicht gleich  dem, wie die Dinge tatsächlich sind. Diesmal geht es darum, wie “förmlich” wir Deutschen sind. Ausgelöst wurde es von einer hart (aber fair) geführten Diskussion, ob die Vivaldi.com Webseite die Besucher mit “Sie” oder mit “Du” ansprechen sollte.

Ich gebe zu, dass ich auf Grund meines Alters voreingenommen bin (meine jugendliche Prägung fand vor MTV und dem WWW statt), aber das Selbe gilt natürlich auch für jüngere Personen, die eigentlich keine Welt ohne WWW kennen und schon deutlich durch die wahrscheinlich aus dem englischsprachigen Raum übernommene “You” → “Du” Umgangsform beeinflusst sind.

Genug geschwafelt, ab zu den “Fakten”:

Wenn man wissen will, was die Leute in Deutschland so anstellen, befragt man am besten Google (Marktanteil bei den Suchen >90%, deshalb “optimieren” “alle” ihre Webseiten dafür – und Google ist ziemlich gut im analysieren) – also fleißig ab den Suchparametern geschraubt, mittels site:.de auf Seiten mit .de als TLD eingeschränkt und eine wörtlich zu nehmende Suche mittels &lit=1 eingestellt.

Hier die Ergebnisse, die ich bekommen habe:

https://www.google.de/search?q=Sie+site:.de&lit=1 “Ungefähr 1.370.000.000 Ergebnisse” für “Sie”
https://www.google.de/search?q=Du+site:.de&lit=1  “Ungefähr 246.000.000 Ergebnisse” für “Du”

Das sieht auf den ersten Blick nach einem klaren Sieg für “Sie” aus – aber ganz so einfach darf man es sich meiner Meinung nach nicht machen:

Zum einen wird “Sie/sie” auch für andere Sachen verwendet als nur die persönliche Anrede und zum anderen kann man mit ziemlicher Sicherheit vermuten, dass sich auf einem großen Teil der Seiten, wo “man” sich duzt (z.B. nahezu 100% aller Foren) oftmals Sätze befinden wie “Verfolgen Sie uns auf Twitbook”.

Um es mir etwas einfacher zu machen (Haben Sie ernsthaft erwartet, dass ich hier eine wasserdichte statistische Analyse anfertige? Nicht wirklich, oder? 😉 ) habe ich kurzerhand die “Du” Seiten von der Anzahl der “Sie” Seiten abgezogen – das macht aber immer noch eine abgerundete Milliarde Seiten, die die Wörter “Sie/sie” beinhalten. Folgend begebe ich mich vollständig in den Bereich der Spekulation und nehme an, dass auf 50% aller Seiten, auf denen “Sie” in irgendeiner Form verwendet wird, dies nicht aus Gründen der Anrede geschieht. Übrig bleiben immer noch eine halbe Millarde Seiten. Der “Sieg” ist knapper, aber immer noch deutlich.

 

Könnte das mit der Altersstruktur unseres Landes zusammenhängen? 

Für solche Statistikfragen gibt es einschlägig bekannte Seiten wie Statista
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/71539/umfrage/bevoelkerung-in-deutschland-nach-altersgruppen/ 
Wer will, kann sich gerne dort durchwühlen und nachrechnen. Ich bin faul und lasse das lieber andere machen, also habe ich einfach bei Wolframalpha gefragt, wie alt wir Deutschen im Schnitt sind:
http://www.wolframalpha.com/input/?i=Germany+%7C+median+age
Für mich erklären 43,8 Jahre einiges:

Ein großer Teil der Bevölkerung erlebte seine “prägenden Jahre” bzw. fast die Hälfte seiner Gesamtlebenszeit vor der verbreiteten Einführung des persönlichen Computers, vor MTv, vor dem WWW und vor dem “Handy™”. Damals wurde man vom größten Teil der Bevölkerung tatsächlich gesiezt (sogar unsere Lehrer haben uns ab der 5 Klasse auf dem Gymnasium gesiezt – und wir sie natürlich auch) so lange man sich nicht gut kannte oder wirklich befreundet war (nicht nur auf einen noch nicht existierenden “Freund” Button geklickt hatte). Die Flower Power Generation war zwar schon vorbei und dadurch hatten sich glücklicherweise schon einige Umgangsformen gelockert, aber dennoch hielten die meisten hartnäckig am “Sie” fest – und das waren nicht nur die Ewiggestrigen: Selbst die ’68er redeten Leute, die sie nicht kannten, mit “Sie” an, außer sie wollten gezielt “Das Establishment” provozieren.

Solche Verhaltensweisen legt man nur relativ langsam ab, ich spreche da aus Erfahrung.

 

Zurück zum Anfang:

Sollte man auf der Vivaldi.com Seite “Sie” oder “Du” verwenden?

Für mich persönlich keine Frage. Seiten von Firmen, die nicht gerade Betreiber von sozialen Netzwerken sind, sprechen ihre Kunden im Allgemeinen mit “Sie” an (OK, IKEA nicht – außer es kommt eine Durchsage:  „Gesucht wird der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen DU – DA 496. Bitte melden Sie sich umgehend an der Information!“ 😀 ). Das ist zwar formal, muss aber dennoch nicht distanziert sein. Der Grat zwischen anbieten und anbiedern, zwischen persönlich ansprechen und zu kumpelhaft – und somit meiner Meinung nach eher unprofessionell – ist ein sehr, sehr schmaler. Die Gefahr, auf den Empfindlichkeiten der unbekannten Personen herumzutrampeln, die die Website besuchen, ist beim “Du” meiner Meinung nach größer als beim “Sie” – aber das ist nicht wirklich messbar, nur von jedem einzelnen fühlbar, dennoch vermute ich einen Grund hinter der Verwendung des “Sie” auf folgenden Seiten:

 

Für die Vivaldi.net Seite (also die mit den Foren und Blogs) ist natürlich das “Du” völlig OK.

 

Ein wenig Literatur zum Thema:

 

Letztendlich stellen sich folgende Fragen:

  • Würde ich einen Fremden, über den ich nichts weiß, außer dass er mein Produkt verwendet, am Telefon mit “Du” anreden?
  • Verärgert es eine unbekannte “Du” Person mehr wenn man sie mit “Sie” anspricht, als eine “Sie” Person, die man mit “Du” anspricht?
  • Ist der Kunde nicht der König, sondern das Produkt? (Facebook)
  • Will man ernst genommen werden?
  • Ist man in der Lage eine vollständige Image Kampagne mit einer weitergehenden Botschaft und einer gezielten kleinen Provokation durchzuziehen? (IKEA, Lebensstil)

Kann man alle Fragen mit “Ja” beantworten, ist das “Du” kein Problem – sobald man eine Frage mit Nein beantwortet, sollte man sich meiner Meinung nach wirklich überlegen ob man bereit ist, diese Grenze zu überschreiten.

 

… und nun möge die Schlacht um das “Du” und das “Sie” in den Kommentaren beginnen 😀

 

4 comments Write a comment

  1. Auch wenn ich eigentlich für den nicht so förmlichen Umgang bin, sehe ich das in Hinsicht von Firmen ähnlich. Da ist ein förmlicher Umgangston angebracht.
    Ausserdem stört sich jemand der an das duzen gewöhnt ist weniger an einem Sie als die Traditionalisten (die auch alles eingedeutscht haben wollen) umgekehrt.

  2. Nachdem ich nicht unwesentlich an der hart – aber fair – geführten Diskussion beteiligt war, werde ich mich auch kurz dazu äußern:
    Ich selbst bin 26, habe ca. die Hälfte meines Lebens im Vorhandensein des WWW verbracht und sehe das schon ganz anders.
    Ich persönlich tue mir schwer – auch Fremde – in meinem Alter zu siezen. Und ich sehe, dass es dem Großteil “meiner Generation” nicht anders geht. Man verbessert sich manchmal, aber im Grunde ist es allen lieber, doch gleich beim “du” zu bleiben.

    Was Firmenauftritte im Allgemeinen angeht, so legt für mich die Zielgruppe den Ton fest. Eine Anwaltskanzlei siezt. Ebenso solche Firmen, die z.B. auf Bewerbungstrainings und andere formelle Anlässe spezialisiert sind. Ich würde mich auch wundern, wenn die “Für Sie” (haha) ihre Leser duzen würde. Ganz anders verhält es sich mit Firmen und Seiten mit jungem Publikum. Dazu gehören die sozialen Netzwerke, IKEA und andere.

    Um es auf den Punkt zu bringen: Vivaldi ist – selbsterklärt – ein Browser “für Freunde”. Die Zielgruppe ist also klar. Ich würde mich wundern, wenn da etwa stünde “Ein Browser für unsere Freunde. Entdecken Sie Ihn”. Denn dann würde ich mich aus der “Freundesgruppe” verbal ausgeschlossen fühlen.

    PS: Ich beneide den englischsprachigen Raum um die Abwesenheit der Differenziertheit zwischen du und Sie. Wenn es nach mir ginge, würde man auch im Deutschen beide Wörter abschaffen und durch ein neutrales drittes ersetzen. (Wie wäre es mit “su”? ^^)

  3. Ich »sieze« grundsätzlich [u]immer[/u] jemanden den ich nicht kenne, das gebietet alleine die Höflichkeit und daher möchte ich auch »gesiezt« werden. Das bezieht übrigens auch seriöse (Firmen-)Webseiten ein.

    Bei näher bekannten Personen – persönlich oder via Internet (Chat, Foren, etc.) – ist es dann selbstverständlich, dass ein lockerer Umgangston gepflegt und »geduzt« wird.

    Jemanden mit »Sie« anzusprechen bedeutet Respekt zu zeigen.
    Die heutige Jugend ist respektlos genug (und leider mit zu wenig Manieren) da braucht es keine Vorbilder die das unpassende »Du« verbreiten.

  4. Och, ich persönlich habe kein Problem mit dem Du – aber auch nicht mit dem Sie – im Alter wird man halt gelassener. :p

    Zur Zielgruppe: Die Zielgruppe auf die unter 30 Jährigen zu beschränken wäre aber IMHO auch nicht so der Brüller, dann würden ja ca 75% der Bevölkerung ausgelassen. Ich muss noch einmal nachschauen denn da gab es einen netten Artikel über das Imageproblem was die Automobil Werbemenschen derzeit in Deutschland Österreich und der Schweiz haben: Sie haben festgestellt, dass sie völlig am Markt vorbei werben, denn der durchschnittliche Neuwagenkäufer ist 53 Jahre alt 😉

    Als Abschluss möchte ich noch anmerken, dass ich persönlich das Wort “Freund” sehr persönlich nehme. Wenn ich auf der Webseite einer Firma das Wort “Freund” lese, ist das für mich ganz etwas anderes, als wenn es von einer Person kommt, die ich persönlich kenne. Das gilt für mich auch hier bei Vivaldi, obwohl ich mit einigen der ex-Opera und nun bei Vivaldi Beschäftigten seit Jahren in Kontakt stehe und wir teilweise auch schon über private Sachen geklönt haben, von daher habe ich kein Problem mit dem Werbeslogan – und das ist der Satz, gleichgültig wie viel Ernst dahinter stecken mag – und einem darauf folgenden “Sie”, denn Person ist Person und Firma ist Firma.

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